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Salaparuta



Der Rabe des Herzogs von Salaparuta ist weltbekannt. Nicht ornithologisch, wie man vermuten könnte, sondern als Wein. Wer die grossen Weine Italiens liebt, kennt auch den Corvo di Salaparuta, ursprűnglich ein kerniger Weisswein, der lange Zeit als der beste Siziliens galt.

Wanderer, kommst Du nach Salaparuta, so suchst Du vergeblich nach der Casa Vinicola des Duca di Salaparuta, denn diese befindet sich siebzig Kilometer entfernt bei Palermo. Und der Wein des Duca kommt, wie die lokalen Winzer behaupten, auch nicht aus Salaparuta, obgleich es bei ihnen genug weisse und rote Weine gibt.

Es gibt kein Schloss und keinen Palazzo des Duca in Salaparuta, denn der Ort wurde nagelneu erbaut nach einem verheerenden Erdbeben, das 1968 die historische Ortschaft so vollständig zerstörte, dass man zwei Kilometer entfernt völlig neu anfangen musste. Wenn es also dort weder einen Duca, noch seinen Palazzo, noch seinen Wein gibt, warum ist dann Salaparuta űberhaupt bemerkenswert?

Weil laut einem Bericht vom September 2006 des italienischen Katasteramts, Abteilung Immobilienmarkt-Beobachtung, Salaparuta der Ort mit den niedrigsten Immobilienpreisen in ganz Italien ist.

Mit 220 Euro pro Quadratmeter kann man nach 1970 erdbebensicher erbaute Gebäude erwerben. In Capri, Italiens teuerstem Ort, muss man hingegen pro Quadratmeter 36 mal soviel bezahlen (egal, ob erdbebensicher oder nicht).

german.pages.de hat vor Ort recherchiert und die Angaben fűr richtig befunden. In Salaparutas Nachbarort Poggioreale wird beispielsweise ein einzelstehendes Haus im Ort, 200 Quadratmeter Nutzfläche, voll unterkellert, mit Garage aber ohne Garten, fűr Euro 50.000 angeboten. Marktpreis vermutlich Euro 40-45.000. Neuer Aussenanstrich ist notwendig; Inneres angeblich in Ordnung.

Viele Wohnungen und Häuser stehen in den Orten des Belice-Tals in Nordwest-Sizilien zum Verkauf. Von űber 4000 Einwohnern um 1880 ist die Bevölkerung des im Mittelalter von Sarazenen gegrűndeten Salaparuta auf nunmehr 1600 geschrumpft, wobei der Schock des Erdbebens eine klare Spur in der Bevölkerungsstatistik hinterlassen hat.

Dabei ist das weite Tal des Belice-Flusses eines der schönsten und fruchtbarsten Siziliens. Wein und Obst sind die Haupterzeugnisse, doch die Landwirtschaft kann die jungen Leute nicht halten, und Tourismus gibt es nicht.

Das könnte sich jedoch ändern, denn Salaparuta ist nur 40 Kilometer von der Sűdkűste Siziliens entfernt, die zwischen Mazara del Vallo und Porto Empedocle kilometerlange, relativ menschenleere Strände mit kristallklarem Wasser bietet: Felsstrand, Sandstrand, und Kiesstrand nach Wahl. Die Tempel von Selinunt, Segesta und Agrigent befinden sich in Ausflugsnähe, ebenso der Flughafen von Palermo. Und der Literaturfreund wandert auf den Pfaden des Gattopardo, des Leoparden von Giuseppe Tommaso Principe di Lampedusa. Die Teerstrassen, die nach Salaparuta fűhren, vermitteln dem Reisenden freilich streckenweise Erdbebengefűhle.

Salaparuta besitzt seinen eigenen Ruinenbezirk: die alte Ortschaft oben am Berg, so total zerstört wie deutsche Städte nach den Bombennächten. Hunderte Todesopfer gab es in den Orten des Belice, űber tausend Verletzte und zehntausende Obdachlose. Nach mehreren sich steigernden Erdstössen konnte Salaparuta nur noch mit Hubschraubern erreicht werden, denn die Strassen waren unterbrochen. Die wenigen Betonbauten des Belice hatten widerstanden.

Während die Hilfssaktion langsam und konfus begann, gruben die Űberlebenden mit einfachstem Werkzeug und blossen Händen. "Den letzten Einwohner von Salaparuta mussten die Helfer wegtragen", sang Tony Santagata in einer traurigen Ballade, "er irrte in den Ruinen umher und rief nach seinen Kindern".

Das neue Salaparuta ist ein hűbscher Ort, offen und luftig, mit dem Blick űber das Tal. Jedem Zuwanderer wird von der Stadtverwaltung gewissermassen der rote Teppich ausgerollt, sagen Rosario Drago, der Bűrgermeister von Salaparuta, und Pietro Vella, sein Kollege von Poggioreale. Zwei Weinbaufirmen von Salaparuta bieten Interessenten im Internet sogar Teil-Eigentum eines Weinbergs an; so kann jeder zum Winzer werden und seinen eigenen Nero d'Avola oder Cabernet auf Flaschen ziehen.

Die ehemaligen Notunterkűnfte aus den siebziger Jahren stehen noch, die Fenster sind mit Holzplatten abgedichtet. Niemand braucht sie mehr. Aber abreissen will man sie auch nicht; vielleicht kann man sie doch eines Tages verkaufen.

Die Ruine der alten Klosterkirche oben am Berg wird jetzt gesichert und hergerichtet. Ein Anfang. Archäologie der Moderne.

—— Giorgio Ascoltone
Faktoid: Weil Du arm bist, fährst Du schlechter

Val d'Aosta hat das höchste Pro-Kopf-Einkommen Italiens, die Provinz Agrigent in Sizilien das niedrigste (50 Prozent des Maximums). Wie der Zufall es will, weist das Aosta-Tal die geringste Häufigkeit an Verkehrsunfällen auf, Agrigent die höchste Italiens. (Quellen: Automobilclub ACI, ISTAT)